Daniel Gutmann

Autorenlesungen

HOME
AUTOR
JOURNALIST
FOTOGRAF
STUDIUM
VITA

Hilde Domin

 

Nennt Rundes rund, Eckiges eckig

 

 

 

Euphemisierungen sind ihr zuwider. Sie liebt direkte, klare und einfache Sprache. "Jeder will auf seine eigene Weise empfinden können." Deshalb streicht sie aus ihren Gedichten Adverbien und Adjektive heraus. "Nennt das Runde rund und das Eckige eckig," zitiert sie Konfuzius. Wo das nicht mehr eingehalten wird, wo die Bedeutung von Worten sich verfälscht oder abgeschliffen hat, da muß man dagegenhalten: 

Freiheit 
ich will dich 
aufrauhen mit Schmirgelpapier 
du geleckte 

Für sie ist Lyrik eine Gegenkraft gegen Außensteuerung. Und weil auch sie selbst nicht steuern will, liest sie jedes Gedicht zweimal vor. Dem Hörer soll die "Verlebendigung" eines Gedichts nicht einfach gemacht oder abgenommen werden, beim zweiten Hören soll er die Chance haben, aus dem Gehörten sein eigenes Gedicht zu bilden. 
In ihren Gedichten oder wenn sie über ihre Erfahrungen und Erlebnisse spricht (etwa darüber, daß in der 3. Welt eine Blechdose von ungeheurer  Hilde DominWichtigkeit sein kann), wird Engagement spürbar, ernstes Engagement. Aber dennoch stört kein kämpferischer, überzeugen wollender Unterton die luftige Aura ihrer Gedichte oder ihre sanfte, offene, neugierige Haltung im Gespräch. Sie will niemandem vor-schreiben, wie er sein soll. Vielleicht möchte sie einfach nur wieder einmal darauf hinweisen, daß wir nicht vergessen sollten, was uns vom Tier unterscheidet. Die Fähigkeit zur Zivilcourage zum Beispiel oder zum Mit-Schmerz und eben auch die Fähigkeit, Gedichte zu schreiben. Vor allem die Zivilcourage hält sie für eine wichtige menschliche Anlage, die nur leider zu selten ausgeschöpft werde. 

"Aus dem ersten Paradies sind wir ja alle vertrieben, aber die Exilierten vielleicht ein bißchen mehr." 

1932 flüchtete Domin in Vorahnung des Kommenden nach Italien und promovierte in Florenz. Doch 1939 mußte sie wieder umziehen: zunächst nach England, dann in die Dominikanische Republik, wo sie von 1940 bis 1953 in Santa Domingo lebte (was sich nachhaltig auf ihren Künstlernamen auswirken sollte). Erst am Ende dieses Lebensabschnitts begann sie zu schreiben - mit 39 Jahren. 1957 erschien der erste Gedichtband "Nur eine Rose als Stütze", dem bald und kontinuierlich weitere folgten. Autobiographisches und Menschliches, so könnte man es vielleicht nennen, sind die Themen, denen sie auch in Essays und einem Roman "Das zweite Paradies" Ausdruck verlieh. 1969 betätigte sie sich als Herausgeberin: "Doppelinterpretationen" versammelt zeitgenössische Gedichte, denen jeweils eine Interpretation des Verfassers selbst und eines Literaturwissenschaftlers beigegeben ist.  
Ohne die Erfahrung des Entwurzeltseins im Exil, so sagt sie, wäre sie nicht Lyrikerin geworden, sondern vielleicht Politikerin. Da weiß man nun nicht, was man sich wünschen soll. 
Foto: Uwe Stotz 

Zu Hilde Domin lohnt auch ein Blick in: http://www.onlinekunst.de/julizwei/Domin_Links.htm

Zum Seitenanfang

Zum nächsten Text: Gabriele Wohmann

Comments are welcome to dg@daniel-gutmann.de